Lima – Am Ende meiner Reise

Als der Flieger am späten Nachmittag in Lima landet erwartet mich doch tatsächlich jemand am Flughafen. Yohel ist gekommen um mich in empfang zu nehmen, sogar mit einem grossen Poster und Weihnachtsgeschenken. Ooooh, ich bin sehr gerührt! Auf dem selbstgemalten Poster steht: „Willkommen Zuhause, Willkommen in Peru“. Und so fühlt es sich irgendwie an wieder in Lima zu sein. Ich mag die Stadt nicht speziell aber ich kenne sie doch schon gut. Wir suchen das Taxi des Hostels welches ich bestellt habe und erzählen uns was alles passiert ist seit wir uns in Medellin das letzte Mal gesehen haben. Yohel wohnt ganz in der Nähe der Plaza San Martin wo ich mein Hostel habe. Endlich mal wieder ein eigenes Zimmer um meine Sachen auszulegen und zu packen. Jetzt brauche ich allerdings erstmal ein Abendessen. Der Verkehr war mal wieder schrecklich und es ist schon bald 6Uhr abends. Seit dem Frühstück mit Andrea und Joaquin hatte ich nichts zwischen den Zähnen. Yohel begleitet mich noch bis zum Real Plaza, einem riesigen Einkaufszentrum wenige Blocks von der Plaza entfernt. Dann muss er aber ins Studio, seine Nachtschicht fängt bald an. Ich suche mir einen Platz im überfüllten Foodcourt und beobachte beim Essen die Leute. Aus den Lautsprechern schallen Weihnachtslieder, alles ist schön geschmückt und es ist auch Abends um 7 noch warm genug für kurze Hosen und T-Shirt.

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Nach dem Essen spaziere ich zurück ins Hostel. Die Plaza San Martin ist wunderschön beleuchtet und alle sind draussen mit der ganzen Familie. Ein bisschen nostalgisch werde ich schon wenn ich daran denke dass ich in drei Tagen heimfliegen werde. Ich kann noch gar nicht fasse dass ich so bald schon zuhause sein werde. Und schon gar nicht dass ich in 2 Wochen (2 WOCHEN!!) nach Glasgow ziehen werde. Ich hatte bis jetzt nie länger als 2min darüber nachgedacht. Das einzige was irgendwie einer Vorbereitung nahe kommt ist der Fakt dass ich mir ein App heruntergeladen habe wo ich freie WG-Zimmer ansehen kann. Ansonsten bin ich mental noch sehr sehr weit weg von einem erneuten Studienbeginn oder Umzug…

Ich gehe auf mein Zimmer und geniesse es mal wieder alleine zu sein, ohne auf andere Leute achten zu müsse. Ich lese ein wenig in den News und höre Musik. Irgendwann muss ich eingeschlafen sein denn ein Klopfen an der Tür weckt mich. Roberto ist da. Ich dachte erst er würde es nicht mehr nach Lima schaffen, sein Chef imMilitär hat erst kürzlich gewechselt und es war sehr lange nicht klar ob er es irgendwie aus Villa Rica herausschaffen würde. Aber ich wusste auch das in Südamerika alles irgendwie möglich ist… Ich bin sehr glücklich ihn nochmals sehen zu können bevor ich nach Hause fliege.

So verbringe ich die letzten 3 Tage in Lima zusammen mit Roberto. Wir shoppen uns durch Souvenirläden und Supermärkte, geniessen das erstaunlich gute und sonnige Wetter, probieren uns durch sämtliche Fischrestaurants der Stadt (in Villa Rica gibt es keine Shrimps und die sind hier offensichtlich gerade Saison) und besuchen auch nochmals den Circuito de Agua. Roberto kennt den Brunnenpark noch nicht und ich will ihm unbedingt die Abendshow zeigen. Es hat unglaublich viele Leute und nach dem Spektakel gönnen wir uns noch ein paar Anticuchos in einem der vielen Esszelte. Am letzten Abend gönnen wir uns einen Drink in einem der schicken Bars an der Plaza San Martin bevor wir in einen brandneu eröffneten Club tanzen gehen. Obwohl wir beide wissen dass wir uns sehr vermissen werden ist die Stimmung nicht traurig. Wir haben eine ganz tolle Zeit zusammen und ich bin sehr dankbar dafür.

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Am Samstag Nachmittag dann stehe ich mit einem total überfüllten Koffer in der Hostellobby. Unser Taxi bringt uns durch den zermürbenden Verkehr durch die halbe Stadt zum Flughafen. Ich habe extra nicht allzu viel Zeit eingerechnet, ich mag nicht noch lange mit Roberto herumsitzen, das macht mich nur traurig. Ich hasse abschied nehmen, vor allem da ich dieses Mal sicher bin dass es für eine sehr lange Zeit sein wird. Es ist auch einfach ein komisches Gefühl, ich will nach Hause zu Familie und Freunde, aber dann will ich auch nicht hier weg und gleichzeitig winkt das Abenteuer PhD in Schottland und irgendwie holt mich das alles in dem Moment ein als ich mich in die Schlange zum Gate stellen soll. Roberto umarmt mich für eine gefühlte Ewigkeit und natürlich muss ich weinen. Aber ich weiss, auch wenn es eine lange Zeit dauern wird, ich kann wiederkommen, irgendwann. Das ist zwar gerade ein etwas schwacher Trost, aber besser als nichts. So lasse ich Roberto gehen, ich weiss ihm geht es gerade nicht besser als mir. Am Gate sitze ich vor mich hinstarrend herum bis der Flug endlich aufgerufen wird. Jetzt will ich nur noch fort von hier. Endlich im Flieger schaue ich etwas genervt aus dem Fenster, es geht mir nicht schnell genug. Eine ältere Dame setzt sich neben mich und sagt ganz aufgeregt hallo. Das stellt mich wieder etwas auf. Haha ich werde die überkommunikativen Südamerikaner so vermissen. Ich grüsse zurück und zeige ihr 5min später wie man den Gurt öffnet und schliesst und erkläre ihr wie man das iPhone auf Flugmodus stellt. Ich versichere ihr auch dass ihr Panetone welchen sie mitschleppt nicht herumrutschen wird wenn sie ihn unter den Vordersitz stellt. dEr Flieger wird nicht so steil hinaufsteigen. „Es mi primer vuelo“ meint sie, es sei ihr erster Flug. Ja, das habe ich mir doch gedacht. Sie geht nach Milano, Italien, das erste Mal um ihre Tochter und Familie zu besuchen. Und da bringt sie Panetone mit, haha ich muss innerlich sehr lachen. Der Flug ist somit sehr unterhaltsam. Sie macht mir sogar eine neue Frisur als ich mich über meine fettigen Haare beschweren nach 8h fliegen. Der Zopf sieht sehr gut aus 🙂 Sie meint sie habe das immer für ihre Tochter gemacht. In Madrid angekommen helfe ich ihr ans neue Gate und warte dann auf meinen eigenen Flug. Ich freue mich so so sehr auf meine Familie!! Und auf mein Zimmer und mein eigenes Bett…! Südamerika und das Reisen waren wundervoll und ich habe so viel neues gesehen und erlebt, so viele tolle Erinnerungen und neue Freundschaften. Aber nun ist es Zeit nach Hause zu kommen. Auch wenn es nur für eine kurze Zeit ist, denn das nächste Abenteuer kommt bald…

Feliz Navidad

Den Tag vor heilig Abend verbringe ich mit Shopping. Ich brauche ein Geschenk für Andrea und ein neues Outfit. Wir feiern in festlichem rot und meine Auswahl an Tshirts beschränkt sich auf ein mehr oder weniger ausgewaschenes schwarz. Elegant ist auch nicht wirklich ein Adjektiv dass meine Reisekleidung beschreibt. Also wandere ich durch Bogota mit allen anderen Weihnachtsshoppern die noch nach Geschenken suchen. Allerdings bin ich ziemlich planlos was Andreas Vorlieben angeht, so kaufe ich erstmal einen grossen Panetone für die Gastgeberfamilie. Dann probiere ich mich durch die Kleiderläen und finde viel zu viel tolle Sachen. Naja ich kann wohl die verwaschene Hälfte der schwarzen Tshirts hier lassen und dafür ein paar kolumbianische Blousen heimnehmen.

Als ich am frühen Nachmittag hunger kriege und immer noch kein passendes Geschenk für Andrea gefunden habe kommt mir doch noch eine Idee. Jeder mag gutes essen, also werde ich ihr einen Gutschein von Crepes&Waffles schenken. Das ist dann auch gleich der Anlass mich noch einmal dort zu verköstigen. Bald sitze ich, nun ausgestattet mit allem was ich heute brauche, im Untergeschoss des Restaurants. Es ist wie so oft bis auf den letzten Platz gefüllt. Ich unterhalte mich gerade auf Whatsapp als die Leute plötzlich unruhig werden. Im ersten Moment checke ich gar nicht was läuft. Dann bemerke ich die schwankenden Lampen. Oha, Erdbeben. So schnell wie er gekommen ist, ist der Spuk dann aber auch vorüber. 2min später schreibt mich Yohel aus Lima an: Kathrin, es gab ein Erdbeben in Bogota, bist du ok? Ich bin beeindruckt, das ging schnell. Aber er ist auch Reporter, spricht für die Aktualität seiner News denke ich. Ich kann ihn beruhigen, alles ok. Im Internet sehe ich die stärke des Bebens nach: über 6 auf der Richterskala, das Epizentrum nicht sehr weit von Ibague entfernt. Wahrscheinlich hats hier unten weniger geschüttelt als auf der Strasse. Das ist zwar gut aber falls etwas eingestürzt wäre hätten wir alle hier unten festgesessen.

Nach überlebtem Erdbeben und einem wieder mal wundervollen Crepe mit weisser Schokolade und Ananas kehre ich ins Hostel zurück. Dort packe ich meine Sachen ein, ich werde wohl bei Andreas Freunden übernachten. In der Hostelküche rennen Kinder herum, die Grossmutter ist da und macht schon fleissig Tamales für den nächsten Morgen wie sie mir erklärt. Weihnachtslieder gemixt mit Reggeaton schallt durch das ganze Haus. Festlich haha. Ich mache also alles für den Abend bereit und chille noch ein wenig auf dem Sofa. Meine Familie ruft an, ich schreibe Freunden, scrolle durch Facebook und verfasse noch ein paar Blogbeiträge. Dann, um ca. 18Uhr bestelle ich mein Uber an die Adresse die Andrea mir gegeben hat. Die Strassen sind fast leer, alle sind zuhause bei Familien und Freunde, viele auch in den Süden gereist um es an Weihnachten etwas wärmer zuhaben als in La Nevera (Kühlschrank, der Sitzname von Bogota).

Ich komme also etwa eine halbe Stunde später in irgendeiner Gasse in Bogota an und klingle an der Tür. Erst macht niemand auf und mein Uberfahrer wartet freundlicherweise mit mir bis Andreas Freund Joaquin 5min später auftaucht. Er kommt auf dem Töffli dahergefahren und meint er sei noch am Arbeiten, nur 2 Strassen weiter in seinem Fastfood Laden. Wir stellen also nur kurz meinen Koffer ins Haus und kehren dann in Joaquins kleine Bar zurück. Er verkauft Hotdogs (mit Reis), Pollo a la Brasa (Chickenwings, mit Reis), Pommes Frites, Empanadas und weitere kleine Snacks (natürlich alle mit Reis). Er ist ein riesiger Superhero Fan (und das mit seinen 40 Jahren). Schon in seinem Haus habe ich überall DC Poster und Superman oder Batman Figuren herumstehen sehen. Dasselbe gilt für den Fastfood Laden. Seine zwei Mitarbeiterinnen, beide Venezolaner, tragen je ein Captain America und ein Hulk Shirt, Joaquin selbst eines von Iron Man.

Ich setzte mich also zu diesen Leuten und werde gleich von allen Seiten mit Fragen bombardiert. Joaquin ist sehr lustig, macht viele Witze und man kann auch spüren dass seine beiden Chef-Fritiererinnen ihn gerne haben. Ich kriege eine Empanada und etwas zu trinken. Unterdessen schreibt mir Andrea sie stehe im Stau mit dem Bus. Es ist bald 8Uhr und alle Arbeiter von ganz Bogota wollen nun nach Hause. Naja, wir warten ja gerne, ist nicht so dass ich von einer Kolumbianerin erwarte dass sie pünktlich ist, nid wahr 😛 Bald kommen die beiden Freunde der Venezolanerinnen, bringen Bier und Smirnoff und das ist wohl der Anfang der Fete von heute Abend. Als Andrea endlich ankommt habe ich schon 5 neue Freunde. Wir schliessen nun Joaquins Laden, Andrea und ich gehen noch kurz Wein kaufen um die Ecke, dann gehts erstmal zu Joaquins Haus. Andrea muss noch umziehen auf rot. Ich kriege ein Gästezimmer zugewiesen und der Bettbezug ist natürlich ganz im Superheldenformat. Ich schlafe heute sehr beschützt haha. Aber nun soll erstmal Weihnachten gefeiert werden. Als endlich alle bereit sind gehen wir 2 Strassen zu Fuss durch ein Lichtermeer an Weihnachtsbeleuchtung zu Andrea und Joaquins Freunden. Die ganze Familie ist hier. Erstaunlicherweise keine kleinen Kinder, dafür drei Hunde. Grosseltern, Eltern, Onkel, Tante, Freund, Ehemann…. Wir sind eine Gruppe von ca. 25 Personen. Wir werden sehr sehr herzlich empfangen und ich überreiche der Mama erstmal den Panetone. Wir kriegen alle einen riesigen Teller Paella und werden auf die letzten paar Stühle im Wintergarten gesetzt. Alles hier ist dekoriert, blinkt in grün und rot, die meisten Leute haben Weihnachtspullover an in denselben Farben mit Rudolph dem Rentier und grossen HO HO HO Buchstaben. Es sieht so lustig aus wie es soll. Auch hier wollen natürlich alle nun von mir wissen was ich mache, woher ich komme und ich komme bald gar nicht mehr dazu die super feine Paella mit Shrimps und Muscheln zu essen.

Als alle erstmal satt sind schreiten wir zur Beschehrung. Joaquin platziert sich beim Weihnachtsbaum der fast unter all den Geschenken begraben ist. Jedes Geschnke wird einzeln verteilt und es muss erst geraten werden was wohl drinsteckt. Nach dem Auspacken muss man noch herausfinden von wem das Geschenk wohl ist. Alle machen hundert Prozent mit, inklusive Geschenkpapierknollen herumwerfen falls jemand eine falsche Antwort gibt. Es wird gespasst und gelacht, es ist eine sehr fröhliche Runde. Wir alle kriegen Wein und Bier und obwohl die Besinnlichkeit von Weihnachten total abhandenn kommt fühle ich mich schon fast als Teil einer grossen Familie. Andrea schenkt mir ein hübsches paar Ohrringe und Schokolade (sie kennt mich schon haha), Joaquin hat mir in aller Windeseile noch eine Trinkflasche (natürlich mit Superhelden) besorgt. Ich bin rundum glücklich. Lachen muss ich insgeheim als die Grossmutter eine fast meterhohe Marienstatue bekommt, inklusive anzuschraubender Heiligenschein. Sie ist zu tränen gerührt und die ganze Familie bestaunt die tolle Machart aus Holz. Ojee, ja ich würde das nicht i der Stube aufstellen wollen, aber gut 😛

Danach gibts Dessert. Eigentlich sind wir alle schon überessen, aber man kann nicht nein sagen wenn die Dame des Hauses selbstgemachten Pudding anbietet. Danach gibts noch ein wenig mehr Wein und ein wenig tiefere Diskussionen über das Leben. Ich danke den Gastgebern für die Feier und dass sie mich so bei ihnen zuhause fühlen lassen. Das ist doch normal mija höre ich darauf. (Mija ist kurz für mi hija, meine Tochter). So habe ich also eine grossartige turbulente, sehr authentische Südamerikanische Weihnachten zusammen mit Andrea mit der ich ebenfalls viel spreche und lache an diesem Abend.

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Irgendwann um 4Uhr morgens löst sich die Gemeinschaft auf. Ein paar Betrunkene Umarmungen und versprechen man dürfe gerne wieder kommen, mein Haus ist dein Haus usw. und dann machen Andrea Joaquin und ich uns auf den Weg ins Bett. Wir sind alle etwas zerstört, angetrunken, überessen, fröhlich, lustig und totmüde. Ich falle ins Bett und schlafe sofort ein.

Allerdings läutet der Wecker ziemlich früh am gleichen morgen. Um 9Uhr stehe ichhalb tot unter der Dusche. Joaquin hat vorgesorgt und Tamales gekauft, so sitzen wir 3 verkatert um 9:30 am Frühstückstisch. Ich kann bestätigen das Tamales ein gutes Katerzmorge ist. Ich bedanke mich nochmal, muss mich aber dann verabschieden. Mein Taxi steht schon vor der Tür. Ich umarme Andrea nochmals und lasse sie dann wieder zurück ins Bett gehen. Ich mache mich mit Sack und Pack auf zum Flughafen. Es geht nun zurück nach Lima wo ich meine letzten drei Ferientage verbringen werden.