Den Tag vor heilig Abend verbringe ich mit Shopping. Ich brauche ein Geschenk für Andrea und ein neues Outfit. Wir feiern in festlichem rot und meine Auswahl an Tshirts beschränkt sich auf ein mehr oder weniger ausgewaschenes schwarz. Elegant ist auch nicht wirklich ein Adjektiv dass meine Reisekleidung beschreibt. Also wandere ich durch Bogota mit allen anderen Weihnachtsshoppern die noch nach Geschenken suchen. Allerdings bin ich ziemlich planlos was Andreas Vorlieben angeht, so kaufe ich erstmal einen grossen Panetone für die Gastgeberfamilie. Dann probiere ich mich durch die Kleiderläen und finde viel zu viel tolle Sachen. Naja ich kann wohl die verwaschene Hälfte der schwarzen Tshirts hier lassen und dafür ein paar kolumbianische Blousen heimnehmen.
Als ich am frühen Nachmittag hunger kriege und immer noch kein passendes Geschenk für Andrea gefunden habe kommt mir doch noch eine Idee. Jeder mag gutes essen, also werde ich ihr einen Gutschein von Crepes&Waffles schenken. Das ist dann auch gleich der Anlass mich noch einmal dort zu verköstigen. Bald sitze ich, nun ausgestattet mit allem was ich heute brauche, im Untergeschoss des Restaurants. Es ist wie so oft bis auf den letzten Platz gefüllt. Ich unterhalte mich gerade auf Whatsapp als die Leute plötzlich unruhig werden. Im ersten Moment checke ich gar nicht was läuft. Dann bemerke ich die schwankenden Lampen. Oha, Erdbeben. So schnell wie er gekommen ist, ist der Spuk dann aber auch vorüber. 2min später schreibt mich Yohel aus Lima an: Kathrin, es gab ein Erdbeben in Bogota, bist du ok? Ich bin beeindruckt, das ging schnell. Aber er ist auch Reporter, spricht für die Aktualität seiner News denke ich. Ich kann ihn beruhigen, alles ok. Im Internet sehe ich die stärke des Bebens nach: über 6 auf der Richterskala, das Epizentrum nicht sehr weit von Ibague entfernt. Wahrscheinlich hats hier unten weniger geschüttelt als auf der Strasse. Das ist zwar gut aber falls etwas eingestürzt wäre hätten wir alle hier unten festgesessen.
Nach überlebtem Erdbeben und einem wieder mal wundervollen Crepe mit weisser Schokolade und Ananas kehre ich ins Hostel zurück. Dort packe ich meine Sachen ein, ich werde wohl bei Andreas Freunden übernachten. In der Hostelküche rennen Kinder herum, die Grossmutter ist da und macht schon fleissig Tamales für den nächsten Morgen wie sie mir erklärt. Weihnachtslieder gemixt mit Reggeaton schallt durch das ganze Haus. Festlich haha. Ich mache also alles für den Abend bereit und chille noch ein wenig auf dem Sofa. Meine Familie ruft an, ich schreibe Freunden, scrolle durch Facebook und verfasse noch ein paar Blogbeiträge. Dann, um ca. 18Uhr bestelle ich mein Uber an die Adresse die Andrea mir gegeben hat. Die Strassen sind fast leer, alle sind zuhause bei Familien und Freunde, viele auch in den Süden gereist um es an Weihnachten etwas wärmer zuhaben als in La Nevera (Kühlschrank, der Sitzname von Bogota).
Ich komme also etwa eine halbe Stunde später in irgendeiner Gasse in Bogota an und klingle an der Tür. Erst macht niemand auf und mein Uberfahrer wartet freundlicherweise mit mir bis Andreas Freund Joaquin 5min später auftaucht. Er kommt auf dem Töffli dahergefahren und meint er sei noch am Arbeiten, nur 2 Strassen weiter in seinem Fastfood Laden. Wir stellen also nur kurz meinen Koffer ins Haus und kehren dann in Joaquins kleine Bar zurück. Er verkauft Hotdogs (mit Reis), Pollo a la Brasa (Chickenwings, mit Reis), Pommes Frites, Empanadas und weitere kleine Snacks (natürlich alle mit Reis). Er ist ein riesiger Superhero Fan (und das mit seinen 40 Jahren). Schon in seinem Haus habe ich überall DC Poster und Superman oder Batman Figuren herumstehen sehen. Dasselbe gilt für den Fastfood Laden. Seine zwei Mitarbeiterinnen, beide Venezolaner, tragen je ein Captain America und ein Hulk Shirt, Joaquin selbst eines von Iron Man.
Ich setzte mich also zu diesen Leuten und werde gleich von allen Seiten mit Fragen bombardiert. Joaquin ist sehr lustig, macht viele Witze und man kann auch spüren dass seine beiden Chef-Fritiererinnen ihn gerne haben. Ich kriege eine Empanada und etwas zu trinken. Unterdessen schreibt mir Andrea sie stehe im Stau mit dem Bus. Es ist bald 8Uhr und alle Arbeiter von ganz Bogota wollen nun nach Hause. Naja, wir warten ja gerne, ist nicht so dass ich von einer Kolumbianerin erwarte dass sie pünktlich ist, nid wahr 😛 Bald kommen die beiden Freunde der Venezolanerinnen, bringen Bier und Smirnoff und das ist wohl der Anfang der Fete von heute Abend. Als Andrea endlich ankommt habe ich schon 5 neue Freunde. Wir schliessen nun Joaquins Laden, Andrea und ich gehen noch kurz Wein kaufen um die Ecke, dann gehts erstmal zu Joaquins Haus. Andrea muss noch umziehen auf rot. Ich kriege ein Gästezimmer zugewiesen und der Bettbezug ist natürlich ganz im Superheldenformat. Ich schlafe heute sehr beschützt haha. Aber nun soll erstmal Weihnachten gefeiert werden. Als endlich alle bereit sind gehen wir 2 Strassen zu Fuss durch ein Lichtermeer an Weihnachtsbeleuchtung zu Andrea und Joaquins Freunden. Die ganze Familie ist hier. Erstaunlicherweise keine kleinen Kinder, dafür drei Hunde. Grosseltern, Eltern, Onkel, Tante, Freund, Ehemann…. Wir sind eine Gruppe von ca. 25 Personen. Wir werden sehr sehr herzlich empfangen und ich überreiche der Mama erstmal den Panetone. Wir kriegen alle einen riesigen Teller Paella und werden auf die letzten paar Stühle im Wintergarten gesetzt. Alles hier ist dekoriert, blinkt in grün und rot, die meisten Leute haben Weihnachtspullover an in denselben Farben mit Rudolph dem Rentier und grossen HO HO HO Buchstaben. Es sieht so lustig aus wie es soll. Auch hier wollen natürlich alle nun von mir wissen was ich mache, woher ich komme und ich komme bald gar nicht mehr dazu die super feine Paella mit Shrimps und Muscheln zu essen.
Als alle erstmal satt sind schreiten wir zur Beschehrung. Joaquin platziert sich beim Weihnachtsbaum der fast unter all den Geschenken begraben ist. Jedes Geschnke wird einzeln verteilt und es muss erst geraten werden was wohl drinsteckt. Nach dem Auspacken muss man noch herausfinden von wem das Geschenk wohl ist. Alle machen hundert Prozent mit, inklusive Geschenkpapierknollen herumwerfen falls jemand eine falsche Antwort gibt. Es wird gespasst und gelacht, es ist eine sehr fröhliche Runde. Wir alle kriegen Wein und Bier und obwohl die Besinnlichkeit von Weihnachten total abhandenn kommt fühle ich mich schon fast als Teil einer grossen Familie. Andrea schenkt mir ein hübsches paar Ohrringe und Schokolade (sie kennt mich schon haha), Joaquin hat mir in aller Windeseile noch eine Trinkflasche (natürlich mit Superhelden) besorgt. Ich bin rundum glücklich. Lachen muss ich insgeheim als die Grossmutter eine fast meterhohe Marienstatue bekommt, inklusive anzuschraubender Heiligenschein. Sie ist zu tränen gerührt und die ganze Familie bestaunt die tolle Machart aus Holz. Ojee, ja ich würde das nicht i der Stube aufstellen wollen, aber gut 😛
Danach gibts Dessert. Eigentlich sind wir alle schon überessen, aber man kann nicht nein sagen wenn die Dame des Hauses selbstgemachten Pudding anbietet. Danach gibts noch ein wenig mehr Wein und ein wenig tiefere Diskussionen über das Leben. Ich danke den Gastgebern für die Feier und dass sie mich so bei ihnen zuhause fühlen lassen. Das ist doch normal mija höre ich darauf. (Mija ist kurz für mi hija, meine Tochter). So habe ich also eine grossartige turbulente, sehr authentische Südamerikanische Weihnachten zusammen mit Andrea mit der ich ebenfalls viel spreche und lache an diesem Abend.

Irgendwann um 4Uhr morgens löst sich die Gemeinschaft auf. Ein paar Betrunkene Umarmungen und versprechen man dürfe gerne wieder kommen, mein Haus ist dein Haus usw. und dann machen Andrea Joaquin und ich uns auf den Weg ins Bett. Wir sind alle etwas zerstört, angetrunken, überessen, fröhlich, lustig und totmüde. Ich falle ins Bett und schlafe sofort ein.
Allerdings läutet der Wecker ziemlich früh am gleichen morgen. Um 9Uhr stehe ichhalb tot unter der Dusche. Joaquin hat vorgesorgt und Tamales gekauft, so sitzen wir 3 verkatert um 9:30 am Frühstückstisch. Ich kann bestätigen das Tamales ein gutes Katerzmorge ist. Ich bedanke mich nochmal, muss mich aber dann verabschieden. Mein Taxi steht schon vor der Tür. Ich umarme Andrea nochmals und lasse sie dann wieder zurück ins Bett gehen. Ich mache mich mit Sack und Pack auf zum Flughafen. Es geht nun zurück nach Lima wo ich meine letzten drei Ferientage verbringen werden.






















