Erst um 2Uhr Nachmittags mag ich mich an meinem ersten Tag in MEdellin nach der langen Busfahrt aufraffen um noch etwas zu unternehmen. Um die Stadt in bisschen kennzulernen will ich auf den Mirador „Pueblito Paisa“ hinaufsteigen. Das stellt sich aber als schwieriger heraus als gedacht. Erstmal laufe ich vom Hostel die 10min zur Metrostation. Die Metro in Medellin besteht aus zwei Zügen, zwei Buslinien, einem Tram und mehreren Seilbahnen. Mit der neu gekauften Civica, der Fahrkarte, kann es losgehen. Ich fahre nur eine Station udn steige bei Industriales aus. Wie der Name schon sagt eine weniger schöne Gegend. Hier stehe ich aber gleich unten am Hügel und der Aufstieg sollte in der Nähe sein. Aber Pech gehabt. Der Wanderweg ist wegen Bauerarbeiten gesperrt. Ich frage den nächstbesten Arbeiter welcher meint auf der anderen Seite des Parkes gebe es einen weiteren Zugang. Na dann… Die Umrundung des kleinen Hügels stellt sich aber als gang durch Müll und Abgas heraus und ich versuche einfach sie schnell hinter mich zu bringen. Als ich dann nach einer halben Stunde endlich den Aufgang wird auch hier viel gebaut aber man kann sich zwischen den Gruben hindurchschlängeln. Nur von der Natur des Parkes kriegt man wenig mit.
Endlich oben bin ich aber positiv überrascht. Pueblito Paisa bedeutet Paisa-Dorf. Die Paisas sind die Einwohner des Departements Antioquia. Hier oben steht eine kleine Kirche vor einem gepflasterten Platz, ein paar Kolonialhäsuer auf den Seiten. Auf der anderen Seite schliesst sich die Platform des Miradors an. Stände verkaufen Souvenirs, Früchte und Glace.

Erstmal geniesse ich die Aussicht auf Medellin welches sich langezogen durchs Tal erstreckt. Es gibt viele Hochhäuser in der Senke während sich an den Hängen kleine Bachsteinbauten hinaufziehen. Dann setzte ich mich ein paar Minuten auf den Platz, schaue den Touristen zu und esse ein Glace. Dann gehts wieder an den Abstieg und zur Metro.

Ich fahre zurück nach El Poblado, das Viertel wo ich mein Hostel habe. Es ist das Barrio der Expats und Touristen. Hier stechen ebenfalls viele Hochhäuser in den Himmel. Ich laufe den Berg hinauf bis zum kleinen Paruqe Poblado, ein paar Bäume auf einer Plaza. Hier beginnt das Ausgangsviertel. Beim weitergehen sehe ich viele jetzt noch geschlossene Bars und Discoteken. Abbiegen nach rechts führt mich zum Paruqe Lleras wo sich die offenen Bars an der Fussgängerzone stapeln. Es ist schön grün, viele Lichter und Weihnachtsbeleuchtung ist aufgehängt. Es gibt hier auch viele gute Restaurants. Vonwegen Restaurant, so langsam habe ich hunger. Zurück im Hostel recherchiere ich kurz und entscheide mich dann für ein detusches lokal sehr in der nähe mit dem Namen „El aleman pues“ (Der Deutsche, denk). Ich weiss beim hineingehen schon dass ich Flammenkuchen bestellen werde, dazu gibt es ein original Apfelschorle hmmm. Zum Dessert findt sich sogar ein Apfelstrudel mit Vanilleglace.
Pappsatt und glücklich gehts also zurück zum Hotel. Dort unterhalte ich mich erstmal mit dem Bettnachbarn, Yohel aus Peru. Er ist Reporter für RPP, eine der grössten Radiostationen Limas und gerade in den Ferien. Allerdings musste er heute noch in der Universität schnell ein paar Fragen über die Metro stellen, aber jetzt ist er frei. Wir beschliessen morgen zusammen die Citytour zu machen.
So stehen wir also am nächsten Tag pünktlich um 10:20 beim Treffpunkt in der MEtrostation Alpujarra im Zentrum Medellins. Wir hatten ein köstliches Früstück im Hostel und sind nun gestärkt für 3h STadtrundgang. Hernan, unser Guide, begrüsst uns zur Tour, wir sind fast 20 Leute. Allerdings ist die Comapny super vorbereitet, Hernan trägt ein Mikrofon und weiss wo wir uns mit vielen Leuten hinsetzten können damit er in Ruhe vortragen kann.
Erstmal geht es über die Plaza de Libertad an den Regierungsgebäuden MEdellins und Antioquias vorbei. Die Bauten sind riesig und eindrucksvoll. Noch auffälliger ist allerdings das riieeesige Monument in der Mitte des Platzes welches die Erschaffung Antioquias zeigt. Von den Eingebohrenen über die Bauern zu Jesus, der Eisenbahn und schlussendlich den Paisas ist alles da abgebildet.

Hernan meint für die Paisas sei Antioquia eben wichtiger als Kolumbien und sie seien extrem stolz auf ihr Land und ihre Traditionen. Das Monumt stelle also in etwa die grösse des Egos eines Paisas dar. Wir müssen alle lachen, Hernan macht seinen Job extrem gut, erzählt sehr spannend, lustig aber auch ernst. Denn die Geschichte Medellins ist leider in grossen Teilen gar nicht witzig. Hernan versucht uns diese etwas näher zu bringen. Wichtig dabei sind 4 grosse Akteure. Die extreme Linke (zB die FARC), die extreme Rechte (PAramilitares), die Landesregierung und zuletzt die Drogenkartelle. Diese 4 Spieler sind alle tief involviert in die geschichte ganz Kolumbiens und MEdellin mit dem Hauptsitz des grössten Drogenkartells war dabei ein wichtiger Schauplatz. Während die linken und rechten Gruppen je versuchten mehr Macht zu gewinnen und die Regierung zu stürzen nahmen die Drogenhändler beide PArteien unter Vertrag um ihre Labors, Plantagen oder Lieferungen zu verteidigen. Die Regierung sah sich lange einer Übermacht gegenüber welcher nur mit Militärgewalt entgegenzutrete war. Darunter litten extrem viele Zivilisten und Unschuldige. Hernan nimmt nicht einmal den Namen Pablo Escobar in den Mund. Es wäre keine gute Idee auf englisch über ihn zu sprechen, da viele Leute sehr starke Emotionen mit dem toten rogenbaron verbinden. Einigen hatte er Häuser geschenkt oder Geld gegeben, diese vergöttern ihn. Anderen hat er das Zuhause unter den Füssen weggebombt, ihre Angehörige erschossen oder verschleppt oder in de Drogenkrieg mit hineingezogen. Die Meinungen sind sehr geteilt und niemand kann sich mit Freude an die Jahre in Angst errinnern. Es ist ein schwarzes Kapitel MEdellins. Was aber heute viel wichtiger ist, ist dass MEdellin floriert. Viel wurde nach der zerstörung wieder aufgebaut, erneuert, modernisiert. Die MEtro, auf die alle Anwohner extrem stolz sind, ist das ultimative Zeichen des Fortschritts. Auf öffentlichen Plätzen wo man sich früher nicht hingetraute wurden Bibliotheken aufgemacht, alte Häuser renoviert, die viertel pazifiziert. Man spürt dass die LEute ein miteinander wollen, das sie nach forne schauen, und das ist wunderschön. Das perfekte Beispiel dafür ist die Plaza Cisneros, wo wie HErnan sagt früher niemand sich nach Einbruch der Nacht hintrauendurfte, welcher heute voller Lichtstäbe ist und ein Menschen- und Touristenmagnet.

Weiter geth unsere Tour durch die Einkaufsmeile wo ein heilloses Chaos herrscht. Hernan warnt uns vor Taschendieben und lehrt uns die Regel „Don’t show Papaya“, wobei Papaya für Wertgegenstände steht. Dann bringt er uns zum ehemaligen Justizgebäude. Davor auf der STrasse ist fast kein Durchkommen vor lauter Strassenhändler welche Schuhe, Kleider und Gurte verkaufen. Uns wird erzählt dass diese Strasse eigentlich für den Verkehr gedacht war. Aber eines Tages kam der erste Verkäufer mit seinem Stand. Als ihn niemand wegschickte kam der nächste und der nächste bis die ganze Strasse blockiert und es zu spät war daran etwas zu ändern. Hernan meint schmunzelnd, wir Kolumbianer lieben die Grauzone. Gibt es eine Linie zwischen Erlaubt und nicht erlaubt so steht der Kolumbianer in der Mitte und tanzt Salsa. Manchmal etwas mehr auf der einen dann wieder auf der anderen Seite. Im Falle der Strasse hier gewann die verbotene Seite, und das gleich vor dem Justizgebäude. So überliess man die Strasse den Händlern und machte einen neuen Templo de Justicia neben dem Regierungsgebäude auf. Die Händler übernahmen darauf sogar den alten Templo welcher heute ein wunderschönes Einkaufzentrum ist.

Weiter die Strasse hinunter kommen wir zur Plaza Botero. Botero ist der wichtigste Künstler MEdellins, seine Kunstwerke sind millionen Wert. Auf diesem Plaz stehen um die 15 solcher Figuren welche Botero seiner STadt gespendet hat. Typisch für sein Stil sind sie alle ziemlich dick und besitzen völlig verzerrte Proportionen besitzen. Alle Figuren sind aus Bronze gegossen, allerdings innen hohl.


Gleich an der Plaza sthet auch das Kunstmuseum MEdellins und der Palacio de Cultura. Letzterer wäre eingentlich als Regierungssitz gemeint gewesen. Der Architekt war Augustin Goovaerts aus Belgien welcher einen wunderschönen Palast aus hellen und dunkeln Steinen mit schönen Rundfenstern und Bögen hinstellen wollte (neogotischer Stil, danke Wikipedia). Allerdings verwarf sich der Architekt mit den Auftraggebern. Es stand also nur einen Teil des Gebäudes (die Hinterseite welche auf allen Fotos zu sehen ist). Die Paisas dachten sich aber, was ein Belgier kann können wir schon lange und wollten den Palast nach Goovaerts Plänen fertigstellen. Man merkte aber schnell dass das wohl zu kompliziert war. Hernan meint nur, schauts euch einfach selbst an… Der zweite Teil wurde nur noch aus der hellen Steinsorte gebaut (die dunkeln kamen wohl einfach nie an, so Hernan) und es hat zwar runde Fenster, die Verzierungen fehlen aber allesamt. So konnte die Regierung wohl schlecht in diesen halbherzig erbauten Palast ziehen und so wurde er ein ein Museum, bzw. den Palacio de Cultura umfunktioniert.
Gleich hinter dem Palacio steht die MEtrostation Parque Berrio. Unter den Gleisen der Hochbahn scharen sich ältere Männer. Sie tauschen hier Sachen aus, erklärt uns Hernan. Was man nicht mehr braucht wird hier auf diesem „Flormarkt“ getauscht, vor allem eine Beschäftigung für alte Pensionierte Männer wleche nicht zuhause rumsitzen wollen (da sie sonst der Ehefrau beim Putzen helfen müssten). Es sit auch der Platz wo man geklaute Sachen loswird, Hernan erhöht den Papaya-Level auf 4 von 5, man muss hier also etwas auf mehr auf seine Sachen acht geben. Der Parque Berrio selbst ist ebenfalls voller Leute, den hier wird Musik gespielt. Unter den Bäumen improvisiert eine Band mit Sänger, alles ältere Herren, und wir kriegen einen Willkommensgruss an alle Ausländer entgegengesungen.
Die letzte Station der Citytour führt uns auf die Plaza San Antonia. Auch hier stehen 2 Boterostatuen, identische Vögel. Nur, einer ist kaputt, einer nicht. 1995 geschah hier ein Attentat mit einer Bombe während eines Konzertes. Der Rucksack mit Sprengstoff wurde unter der Boterostatue versteckt, 29 LEute starben. Botero machte dem Platz eine neue Vogelstatue, man liess die Alte aber als Mahnmal stehen. Hernan meint, der zerfetzte, löchrige, zerstörte Vogel, das ist das MEdellin von früher. Der stolze, ganze, aufrechte Vogel, das ist sein MEdellin von heute. Ein schöner Abschluss einer beeindruckenden, lehrreichen und super präsentierten Citytour.


Nach den fast 3h sind Yohel und ich etwas eschlagen. Und erstmal hungrig. Wir essen in einem typischen Restaurant (Reiss, Fleisch, Linsen, das übliche) und entscheiden dann zum Parque Explora zu fahren. Ich will in den botanischen Garten, Yohel danach ins Planetarium. Er interessiert sich sehr für Astronmie und hätte das auch fast studiert. Nun macht er öfters recherchen über Science-Themen und studiert neben seinem Vollzeitjob als Reporter auch noch Elektrotechnik. Wir verstehen uns sehr gut und es ist interressant mit ihm zu sprechen. So spazieren wir durch den botanischen Garten, welcher schön ist, mich jetzt aber nicht gerade aus den Socken haut.

Danach sehen wir uns das Planetarium an, inklusive einer kurzen Vorführung in der Kuppel wo es um die Entstehung der Erde geht. Bevor wir nach Hause ins Hostel gehen machen wir nochmals halt bei Ciscneros um die Lichter in Aktion zu sehen. Sie sind wunderschön und man kann sich die grausigen Sachen welche hier passiert sind gar nicht herdenken. Die Leute hier wollen vergessen und das alte mit etwas schönem neuen überdecken.


Es gibt einen Eisbecher mit Früchten, dann gehts nach Hause um für morgen zu planen. Es ist ein nationaler Streik angekündigt und man weiss nicht so genau wie sehr die Demos ausarten werden. Was klar ist, dass der Verkehr zum Erliegen kommen wird, deshalb beschliessen Yohel und ich zusammen aus der Stadt und nach Guatapé zu entfliehen.